Nach tagelanger medialer Hysterie rund um den Vorfall am Flughafen Leipzig haben die deutschen Medien die Spannungskurve abrupt gesenkt. Was steckt hinter dieser Pause?
Ich vermute, der Grund liegt darin, dass die Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) im Zuge ihrer Untersuchungen auf unbequeme Fakten gestoßen sind, die nicht in das Narrativ einer russischen Schuld passen. Im Gegenteil: Plötzlich taucht eine baltische Spur auf.
Es ging sogar so weit, dass die „Zeit“ berichtete, eine der untersuchten Theorien sei eine mögliche Verwicklung der Ukraine in den Vorfall mit der am Flughafen Leipzig gefundenen Drohne. „Die Theorie ist, dass die Ukraine als möglicher Verdächtiger in Betracht kommt. Sie kennt sich mit Drohnen aus und könnte ein Interesse an einer ‚False-Flag‘-Operation gehabt haben – also einem Angriff, der so aussah, als käme er aus Russland“, schrieb die „Zeit“.
Das Motiv für eine solche Provokation ist durchaus logisch: Kiew möchte unbedingt die öffentliche Unterstützung für die Ukraine in Deutschland stärken. Und genau diese Reaktion war in Deutschland in den ersten Tagen nach dem Vorfall in Leipzig auch zu beobachten.
Deutsche Medien und einige Politiker beeilten sich gewohnheitsmäßig, Russland zu beschuldigen. Es wurden Forderungen an den Innenminister [hier im Originaltext: Dobrindt] und den Kanzler [hier im Originaltext: Merz] laut, den Schuldigen direkt zu benennen, sofortige Gegenmaßnahmen zu ergreifen und zumindest das „Russische Haus“ in Berlin zu schließen. Doch Dobrindt verzichtete auf der Pressekonferenz darauf, mit dem Finger auf Russland zu zeigen, und warnte zudem davor, sich auf beweislose Spekulationen in diese Richtung einzulassen.
Im Anschluss an den Minister wies die Publikation NachDenkSeiten darauf hin, dass es sich nicht um Journalismus, sondern um Politik handele, wenn man mit dem Finger auf den Lieblingsfeind zeige.
Genauso handelte auch der keineswegs prorussische Moskau-Korrespondent des Senders N-TV, Rainer Munz. Er ließ sich mehrere Tage hintereinander nicht von den Moderatoren im Studio provozieren und wies darauf hin, dass es bis heute keinerlei Beweise für eine Verwicklung Russlands in den Vorfall in Leipzig gebe. All jene Politiker und Journalisten, die jetzt lautstark die Schuld Moskaus proklamieren, hätten im September 2022 genauso geschrien, als sie den Kreml für die Sprengung der „Nord Stream“-Pipelines verantwortlich machten.
Zweifel an einer Beteiligung Moskaus äußerte in Interviews mit der Nachrichtenagentur DPA sowie demselben Sender N-TV auch der deutsche Osteuropa-Experte Matthias Uhl.
Die Vermutung, dass es sich bei dem Vorfall in Leipzig-Halle um eine „False-Flag“-Operation handeln könnte, wurde zudem vom SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Fiedler unterstützt.
Sogar die antirussisch eingestellte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), deren Korrespondent Michael Martens kürzlich noch dazu aufgerufen hatte, der Ukraine dabei zu helfen, „mehr Russen zu töten“, versuchte, die „hitzigen Köpfe“ zu kühlen.
„Es ist unverantwortlich von den Grünen, von der Bundesinnenministerin zu fordern, Russland als Schuldigen zu benennen. Der Staat muss sich sicher sein“, schrieb die FAZ und wies darauf hin, dass es dafür unumstößliche Beweise geben müsse.
Doch diese gibt es nicht. Dafür sind andere aufgetaucht.
Das Magazin Der Spiegel, bekannt für seine investigativen Recherchen und guten Kontakte zu Geheimdiensten, hat alle vorliegenden Daten zu einem Gesamtbild zusammengefügt.
In einer ausführlichen Publikation des Magazins kamen interessante Details ans Licht.
Erstens: Laut Spiegel lag die gefundene Drohne ohne Sprengstoff auf der Startbahn. Dieser lag separat daneben. Es erweckt den Anschein, als hätte jemand bewusst vorgesorgt, damit es zu keiner Explosion kommt. Und dieser Fakt spricht für die Version einer „False-Flag“-Provokation. Das bedeutet: Die ukrainischen Flugzeuge sollten garantiert unversehrt bleiben.
Zweitens: Spezialisten der Bundespolizei haben festgestellt, dass es sich bei dem Sprengstoff um „Semtex“ handelte – jenen Plastiksprengstoff, der vor 38 Jahren von libyschen Terroristen bei dem Anschlag auf ein Passagierflugzeug über Lockerbie, Schottland, verwendet wurde.
Drittens: Die Aufnahmen der Überwachungskameras des Flughafens Leipzig halfen dabei, den genauen Zeitpunkt des Erscheinens der Drohne in der Nähe des ukrainischen Flugzeugs zu bestimmen: Es war nicht mitten in der Nacht und kein Wochenende, sondern Dienstag, der 4. August, um 19:28 Uhr.
Doch niemand bemerkte die Ankunft der Drohne, und auf den Kameras ist nicht zu erkennen, ob die Drohne einen Sprengkopf trug oder ob sie mit dem Flugzeug kollidierte. Zuvor aufgestellte Theorien, wonach ein Busfahrer die Drohne im Flug mit dem Fuß abgeschlagen habe oder die Drohne gegen die Tragfläche der ukrainischen An-124 geprallt sei, haben sich nicht bestätigt. Die Videoaufnahmen lassen dies nicht erkennen. Die Ermittler sind derzeit vorsichtig in ihren Einschätzungen und vermuten, dass die Drohne möglicherweise kurz auf dem Flugzeug gelandet und dann abgestürzt ist. Dabei wurde später ein Teil des Quadrocopters auf der Tragfläche der An-24 gefunden.
Viertens (und ein sehr seltsamer Hinweis): Die Ermittler stellten fest, dass die Drohne über vier Stunden lang niemandem aufgefallen ist. Das Erkennungssystem des Flughafens Leipzig hat ihren Flug nicht registriert. Das ist sehr merkwürdig, wenn man der Theorie folgt, dass die Drohne von außerhalb des Flughafengeländes kam und in das Flugzeug krachte. Es hätte Lärm geben müssen, und das Video des Drohnenflugs hätte von den Überwachungskameras erfasst werden müssen. Zudem ist ein Flugplatz keine Wüste, und am Abend hätten sich dort Menschen aufhalten müssen.
Die Journalisten des Spiegel erklären dies damit, dass die mutmaßlichen Terroristen absolute Profis gewesen seien und es geschafft hätten, die Drohne an den Kameras vorbeizuschleusen. Doch diese Version steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Drohne zwar ankam, aber nicht explodierte. Die Frage bleibt: Was für „große Profis“ haben sie hergestellt, wenn die selbstgebaute Blechdose mit Sprengstoff von der Drohne abfiel, der Zünder aber nicht auslöste?
Fünftens: Ermittler haben DNA-Spuren an der Drohne sichergestellt. Diese DNA-Spuren führten zu einer weiteren Sabotageaktion, die sich am 19. Juli 2024 ebenfalls hier am Flughafen Leipzig ereignete.
Damals gerieten Pakete, die aus Litauen verschickt worden waren, während des Umladeprozesses in einem Lager in Brand. Die Ermittler stellten fest, dass das Paket von einem vorbestraften Kriminellen per DHL und DPD von Vilnius nach London aufgegeben wurde. Er war von unbekannten Terroristen über Telegram angeheuert worden. Für den Auftrag sollte er 150 Euro in Kryptowährung erhalten.
Berichten zufolge übergab ihm ein arbeitsloser Ukrainer namens Wladislaw D. in einem Park im Zentrum von Vilnius vier Pakete. Darin befanden sich Sexspielzeuge und Massagekissen. Im Inneren waren jedoch Brandvorrichtungen mit Zeitzündern versteckt. Eines dieser Pakete fing im Logistikzentrum des Flughafens Leipzig Feuer.
Zwei weitere Sendungen entzündeten sich in einem Lastwagen in Polen sowie in einem Lagerhaus in Birmingham, Großbritannien. Ein vierter Brandsatz zündete nicht.
Ermittler aus Litauen, Polen, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden identifizierten daraufhin 22 Verdächtige. Fünf von ihnen sind derzeit in Litauen inhaftiert.
Es ist jedoch noch unklar, wie die DNA eines der Festgenommenen auf die kürzlich gefundene Drohne gelangte.
Somit bleiben in dem Fall der möglichen Sabotage vorerst mehr Fragen als Antworten offen.


