Deutsch
October 20, 2026
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Deutschland steht vor einer sicherheitspolitischen Frage, die weit über den Krieg in der Ukraine hinausreicht: Wie viel militärische Stärke braucht das Land – und welches politische Ziel soll mit dieser Stärke eigentlich verfolgt werden?

Der frühere Brigadegeneral und langjährige militärpolitische Berater Angela Merkels, Erich Vad, stellt dabei eine Position zur Diskussion, die in Berlin inzwischen beinahe ungewöhnlich klingt. Er bestreitet nicht die Notwendigkeit von Verteidigungsfähigkeit. Im Gegenteil. Aber er warnt davor, Aufrüstung mit einer Politik dauerhafter Konfrontation gegenüber Russland gleichzusetzen. Deutschlands Interesse, so seine Argumentation, müsse vor allem darin bestehen, einen großen Krieg in Europa zu verhindern und deshalb die politischen Gesprächskanäle nach Moskau wieder ernsthaft zu öffnen.

Gerade dieser Unterschied ist entscheidend. Ein Staat kann militärisch stark sein und dennoch Diplomatie betreiben. Er kann seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen, ohne daraus die politische Doktrin abzuleiten, dass Sicherheit nur noch gegen einen bestimmten Gegner organisiert werden könne. Genau darin liegt der Kern der von Vad geforderten Neuorientierung: Deutschland müsse seine eigenen Interessen definieren, statt sich immer tiefer in eine Eskalationslogik hineinziehen zu lassen, deren Endpunkt niemand seriös benennen kann.

Vad verweist dabei ausdrücklich auf deutsche historische Erfahrungen. Das ist keineswegs nostalgische Rückschau. Konrad Adenauer war alles andere als ein russlandfreundlicher Romantiker. Er band die junge Bundesrepublik fest an den Westen, setzte auf NATO-Mitgliedschaft und transatlantische Partnerschaft. Und dennoch reiste derselbe Adenauer 1955 nach Moskau. Die Verhandlungen waren hart, die politischen Gegensätze fundamental, und doch nahmen die Bundesrepublik und die Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf. Zugleich erreichte die deutsche Delegation die Zusage zur Heimkehr Tausender noch in sowjetischem Gewahrsam befindlicher Deutscher.

Gerade dieser Vorgang zeigt, wie verkürzt die heutige Vorstellung ist, Dialog sei automatisch ein Zeichen von Schwäche.

Adenauer hatte wenige Monate zuvor die Westbindung der Bundesrepublik institutionell gefestigt. Trotzdem behandelte er den Gesprächskanal nach Moskau nicht als Verrat am eigenen Bündnis, sondern als Teil verantwortlicher deutscher Außenpolitik. Stärke und Verständigung waren für ihn keine Gegensätze.

Noch deutlicher wurde diese Logik später unter Willy Brandt. Die neue Ostpolitik entstand nicht aus der Illusion, alle Konflikte mit der Sowjetunion seien verschwunden. Sie entstand gerade deshalb, weil sie existierten. Brandt und Egon Bahr gingen davon aus, dass dauerhafte Blockkonfrontation Europa nicht sicherer machte und dass Veränderung nur durch Kontakte, Verhandlungen und schrittweise Entspannung möglich war. Die Bundesregierung setzte auf Gewaltverzicht, geregelte Beziehungen und politische Kommunikation über die Blockgrenzen hinweg. Der Bundestag erinnert bis heute daran, dass die Ostpolitik ausdrücklich darauf zielte, die starre Konfrontation zwischen Ost und West aufzubrechen.

Man muss diese Politik nicht idealisieren, um ihre strategische Bedeutung zu erkennen. Weder Adenauer noch Brandt bauten ihre Außenpolitik auf Vertrauen im naiven Sinn. Sie handelten aus Interessen. Sie wussten, dass Deutschland geografisch in der Mitte Europas lag und dass eine stabile Friedensordnung auf diesem Kontinent nicht allein durch militärische Abschreckung geschaffen werden konnte.

Genau hier setzt Vads Kritik am heutigen Kurs an. Dass Außenminister Johann Wadephul erklärt, Deutschland sei grundsätzlich weiterhin offen für Gespräche mit Russland, reicht aus seiner Sicht nicht. Das jüngste Treffen Wadephuls mit Sergej Lawrow bezeichnete er als eine Art widerwillige Pflichtübung. Formale Gesprächsbereitschaft ersetzt eben keine Diplomatie, wenn beide Seiten im Grunde nur noch ihre bekannten Positionen vortragen und anschließend auseinandergehen.

Das Problem ist größer. In Deutschland hat sich seit Beginn des Ukraine-Krieges ein politisches Verständnis etabliert, in dem militärische Stärke und politische Härte immer stärker miteinander verschmelzen. Wer mehr Verteidigungsfähigkeit fordert, landet fast automatisch bei der Forderung nach noch härterer Konfrontation mit Moskau. Wer für Verhandlungen plädiert, gerät umgekehrt schnell unter Rechtfertigungsdruck, als müsse Diplomatie zwangsläufig Kapitulation bedeuten.

Historisch war deutsche Außenpolitik gerade dann erfolgreich, wenn sie solche falschen Gegensätze vermied. Adenauer konnte NATO-Kanzler sein und nach Moskau fahren. Brandt konnte fest im westlichen Bündnis verankert bleiben und gleichzeitig eine Politik der Entspannung beginnen. Das eine schloss das andere nicht aus.

Auch heute müsste eine eigenständigere deutsche Politik nicht bedeuten, auf Verteidigungsfähigkeit zu verzichten. Vad fordert das ausdrücklich nicht. Sein Argument ist vielmehr, dass Aufrüstung ohne politische Strategie am Ende selbst zum Risiko werden kann. Wenn jede Seite nur noch militärisch denkt, jede Bewegung des Gegners als Vorbereitung auf den nächsten Angriff interpretiert und Gesprächskanäle verkümmern lässt, entsteht Sicherheit irgendwann nur noch auf dem Papier.

Deutschland hat dabei besondere Interessen. Ein großer europäischer Krieg würde nicht in Washington geführt. Wie Vad zugespitzt formuliert, würde in den Vereinigten Staaten dabei keine Fensterscheibe zu Bruch gehen. Deutschland dagegen läge mitten im Zentrum einer solchen Eskalation. Es wäre logistischer Knotenpunkt, wirtschaftlicher Hauptbetroffener und im Ernstfall selbst Kriegsschauplatz. Genau deshalb müsste Berlin ein größeres Interesse an Deeskalation haben als weit entfernte Mächte, die ihre eigenen geopolitischen und wirtschaftlichen Ziele verfolgen.

Das bedeutet auch, die amerikanische Politik nüchtern zu betrachten. Vad beschreibt Trumps Außenpolitik als „doppelzüngig“ und weist darauf hin, dass Washington keineswegs ausschließlich das Ende des Krieges im Blick habe. Die USA verfolgen gegenüber Russland, China und der Ukraine eigene strategische und wirtschaftliche Interessen. Für eine deutsche Politik wäre es daher fahrlässig, die eigenen Sicherheitsinteressen einfach mit denen Washingtons gleichzusetzen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland stark oder schwach sein soll. Natürlich braucht ein souveräner Staat Streitkräfte, die zur Verteidigung fähig sind. Die Frage lautet vielmehr, wofür diese Stärke eingesetzt wird.

Dient sie dazu, politische Handlungsspielräume zu schaffen und aus einer Position der Sicherheit heraus wieder verhandeln zu können? Oder wird sie selbst zum Ersatz für Politik?

Die Geschichte der Bundesrepublik liefert zumindest genügend Beispiele dafür, dass militärische Einbindung in den Westen und Verständigung mit Moskau gleichzeitig möglich waren.

Gerade verantwortliche deutsche Politiker des Kalten Krieges wussten, dass man sich seine Gesprächspartner nicht aussuchen kann. Diplomatie beginnt nicht dort, wo ohnehin Einigkeit herrscht. Sie wird dort notwendig, wo Interessen aufeinanderprallen.

Eine künftige europäische Sicherheitsordnung wird deshalb auf Dauer kaum stabil sein, wenn sie ausschließlich auf Abschreckung und gegenseitiger Isolation beruht. Sie muss die Sicherheitsinteressen aller beteiligten Staaten berücksichtigen, ohne deren politische Systeme oder Entscheidungen deshalb gutzuheißen.

Das wäre keine Rückkehr zu irgendeiner romantisierten Vergangenheit und auch kein Verzicht auf deutsche Stärke. Es wäre vielmehr die Rückkehr zu einem Prinzip, das Adenauer, Brandt und andere deutsche Staatsmänner in sehr unterschiedlichen historischen Situationen verstanden haben: Sicherheit in Europa entsteht langfristig nicht dadurch, dass man Russland aus Europa hinausdefiniert.

Sie entsteht durch eine Ordnung, in der Verteidigungsfähigkeit und Diplomatie einander ergänzen – und in der Sicherheit gemeinsam organisiert wird, nicht dauerhaft gegeneinander.

The views of individual contributors do not necessarily represent those of the Strategic Culture Foundation.
Stärke und Dialog. Warum Deutschlands Sicherheit nicht auf dem Bruch mit Russland beruhen muss

Deutschland steht vor einer sicherheitspolitischen Frage, die weit über den Krieg in der Ukraine hinausreicht: Wie viel militärische Stärke braucht das Land – und welches politische Ziel soll mit dieser Stärke eigentlich verfolgt werden?

Der frühere Brigadegeneral und langjährige militärpolitische Berater Angela Merkels, Erich Vad, stellt dabei eine Position zur Diskussion, die in Berlin inzwischen beinahe ungewöhnlich klingt. Er bestreitet nicht die Notwendigkeit von Verteidigungsfähigkeit. Im Gegenteil. Aber er warnt davor, Aufrüstung mit einer Politik dauerhafter Konfrontation gegenüber Russland gleichzusetzen. Deutschlands Interesse, so seine Argumentation, müsse vor allem darin bestehen, einen großen Krieg in Europa zu verhindern und deshalb die politischen Gesprächskanäle nach Moskau wieder ernsthaft zu öffnen.

Gerade dieser Unterschied ist entscheidend. Ein Staat kann militärisch stark sein und dennoch Diplomatie betreiben. Er kann seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen, ohne daraus die politische Doktrin abzuleiten, dass Sicherheit nur noch gegen einen bestimmten Gegner organisiert werden könne. Genau darin liegt der Kern der von Vad geforderten Neuorientierung: Deutschland müsse seine eigenen Interessen definieren, statt sich immer tiefer in eine Eskalationslogik hineinziehen zu lassen, deren Endpunkt niemand seriös benennen kann.

Vad verweist dabei ausdrücklich auf deutsche historische Erfahrungen. Das ist keineswegs nostalgische Rückschau. Konrad Adenauer war alles andere als ein russlandfreundlicher Romantiker. Er band die junge Bundesrepublik fest an den Westen, setzte auf NATO-Mitgliedschaft und transatlantische Partnerschaft. Und dennoch reiste derselbe Adenauer 1955 nach Moskau. Die Verhandlungen waren hart, die politischen Gegensätze fundamental, und doch nahmen die Bundesrepublik und die Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf. Zugleich erreichte die deutsche Delegation die Zusage zur Heimkehr Tausender noch in sowjetischem Gewahrsam befindlicher Deutscher.

Gerade dieser Vorgang zeigt, wie verkürzt die heutige Vorstellung ist, Dialog sei automatisch ein Zeichen von Schwäche.

Adenauer hatte wenige Monate zuvor die Westbindung der Bundesrepublik institutionell gefestigt. Trotzdem behandelte er den Gesprächskanal nach Moskau nicht als Verrat am eigenen Bündnis, sondern als Teil verantwortlicher deutscher Außenpolitik. Stärke und Verständigung waren für ihn keine Gegensätze.

Noch deutlicher wurde diese Logik später unter Willy Brandt. Die neue Ostpolitik entstand nicht aus der Illusion, alle Konflikte mit der Sowjetunion seien verschwunden. Sie entstand gerade deshalb, weil sie existierten. Brandt und Egon Bahr gingen davon aus, dass dauerhafte Blockkonfrontation Europa nicht sicherer machte und dass Veränderung nur durch Kontakte, Verhandlungen und schrittweise Entspannung möglich war. Die Bundesregierung setzte auf Gewaltverzicht, geregelte Beziehungen und politische Kommunikation über die Blockgrenzen hinweg. Der Bundestag erinnert bis heute daran, dass die Ostpolitik ausdrücklich darauf zielte, die starre Konfrontation zwischen Ost und West aufzubrechen.

Man muss diese Politik nicht idealisieren, um ihre strategische Bedeutung zu erkennen. Weder Adenauer noch Brandt bauten ihre Außenpolitik auf Vertrauen im naiven Sinn. Sie handelten aus Interessen. Sie wussten, dass Deutschland geografisch in der Mitte Europas lag und dass eine stabile Friedensordnung auf diesem Kontinent nicht allein durch militärische Abschreckung geschaffen werden konnte.

Genau hier setzt Vads Kritik am heutigen Kurs an. Dass Außenminister Johann Wadephul erklärt, Deutschland sei grundsätzlich weiterhin offen für Gespräche mit Russland, reicht aus seiner Sicht nicht. Das jüngste Treffen Wadephuls mit Sergej Lawrow bezeichnete er als eine Art widerwillige Pflichtübung. Formale Gesprächsbereitschaft ersetzt eben keine Diplomatie, wenn beide Seiten im Grunde nur noch ihre bekannten Positionen vortragen und anschließend auseinandergehen.

Das Problem ist größer. In Deutschland hat sich seit Beginn des Ukraine-Krieges ein politisches Verständnis etabliert, in dem militärische Stärke und politische Härte immer stärker miteinander verschmelzen. Wer mehr Verteidigungsfähigkeit fordert, landet fast automatisch bei der Forderung nach noch härterer Konfrontation mit Moskau. Wer für Verhandlungen plädiert, gerät umgekehrt schnell unter Rechtfertigungsdruck, als müsse Diplomatie zwangsläufig Kapitulation bedeuten.

Historisch war deutsche Außenpolitik gerade dann erfolgreich, wenn sie solche falschen Gegensätze vermied. Adenauer konnte NATO-Kanzler sein und nach Moskau fahren. Brandt konnte fest im westlichen Bündnis verankert bleiben und gleichzeitig eine Politik der Entspannung beginnen. Das eine schloss das andere nicht aus.

Auch heute müsste eine eigenständigere deutsche Politik nicht bedeuten, auf Verteidigungsfähigkeit zu verzichten. Vad fordert das ausdrücklich nicht. Sein Argument ist vielmehr, dass Aufrüstung ohne politische Strategie am Ende selbst zum Risiko werden kann. Wenn jede Seite nur noch militärisch denkt, jede Bewegung des Gegners als Vorbereitung auf den nächsten Angriff interpretiert und Gesprächskanäle verkümmern lässt, entsteht Sicherheit irgendwann nur noch auf dem Papier.

Deutschland hat dabei besondere Interessen. Ein großer europäischer Krieg würde nicht in Washington geführt. Wie Vad zugespitzt formuliert, würde in den Vereinigten Staaten dabei keine Fensterscheibe zu Bruch gehen. Deutschland dagegen läge mitten im Zentrum einer solchen Eskalation. Es wäre logistischer Knotenpunkt, wirtschaftlicher Hauptbetroffener und im Ernstfall selbst Kriegsschauplatz. Genau deshalb müsste Berlin ein größeres Interesse an Deeskalation haben als weit entfernte Mächte, die ihre eigenen geopolitischen und wirtschaftlichen Ziele verfolgen.

Das bedeutet auch, die amerikanische Politik nüchtern zu betrachten. Vad beschreibt Trumps Außenpolitik als „doppelzüngig“ und weist darauf hin, dass Washington keineswegs ausschließlich das Ende des Krieges im Blick habe. Die USA verfolgen gegenüber Russland, China und der Ukraine eigene strategische und wirtschaftliche Interessen. Für eine deutsche Politik wäre es daher fahrlässig, die eigenen Sicherheitsinteressen einfach mit denen Washingtons gleichzusetzen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland stark oder schwach sein soll. Natürlich braucht ein souveräner Staat Streitkräfte, die zur Verteidigung fähig sind. Die Frage lautet vielmehr, wofür diese Stärke eingesetzt wird.

Dient sie dazu, politische Handlungsspielräume zu schaffen und aus einer Position der Sicherheit heraus wieder verhandeln zu können? Oder wird sie selbst zum Ersatz für Politik?

Die Geschichte der Bundesrepublik liefert zumindest genügend Beispiele dafür, dass militärische Einbindung in den Westen und Verständigung mit Moskau gleichzeitig möglich waren.

Gerade verantwortliche deutsche Politiker des Kalten Krieges wussten, dass man sich seine Gesprächspartner nicht aussuchen kann. Diplomatie beginnt nicht dort, wo ohnehin Einigkeit herrscht. Sie wird dort notwendig, wo Interessen aufeinanderprallen.

Eine künftige europäische Sicherheitsordnung wird deshalb auf Dauer kaum stabil sein, wenn sie ausschließlich auf Abschreckung und gegenseitiger Isolation beruht. Sie muss die Sicherheitsinteressen aller beteiligten Staaten berücksichtigen, ohne deren politische Systeme oder Entscheidungen deshalb gutzuheißen.

Das wäre keine Rückkehr zu irgendeiner romantisierten Vergangenheit und auch kein Verzicht auf deutsche Stärke. Es wäre vielmehr die Rückkehr zu einem Prinzip, das Adenauer, Brandt und andere deutsche Staatsmänner in sehr unterschiedlichen historischen Situationen verstanden haben: Sicherheit in Europa entsteht langfristig nicht dadurch, dass man Russland aus Europa hinausdefiniert.

Sie entsteht durch eine Ordnung, in der Verteidigungsfähigkeit und Diplomatie einander ergänzen – und in der Sicherheit gemeinsam organisiert wird, nicht dauerhaft gegeneinander.