Deutsch
Dr. Gregor Spitzen
October 3, 2026
© Photo: Public domain

36 Jahre nach der Eingliederung der DDR in die BRD stellen sich viele Deutsche die Frage, ob es Deutschland tatsächlich gelungen ist, eine echte Einheit zu erreichen. Die jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zeigen deutlich, dass Deutschland in politischer Hinsicht nach wie vor gespalten ist.

Aus sozialer Sicht schien die Nation einst geeinter zu sein als heute. 40% der befragten Ostdeutschen sehen heute mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Teilen des Landes. Vor zehn Jahren lag dieser Wert bei nur 23%, wie aus einer im vergangenen Jahr durchgeführten Langzeitstudie der Technischen Universität Dresden hervorgeht.

Was die Politik betrifft, so sind die Folgen des Wahlschocks der letzten Wochen nach wie vor spürbar. Für die Bewohner des Westens ist es schwer zu erklären, dass in den ehemaligen neuen Bundesländern die Parteien der politischen Extreme zusammen die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen. Dort machten die Wahlergebnisse der Parteien AfD, Die Linke und BSW in letzter Zeit zusammen ein Viertel der Stimmen aus.

In der Gesellschaft entstehen Risse. Im politischen System zeichnen sich nicht nur entlang der Achse «Ost–West», sondern auch an verschiedenen anderen Stellen Bruchlinien ab. Die drohende politische Destabilisierung durch den Zerfall der bisherigen Stützen des Staates hebt die Kontraste entlang der ehemaligen Grenze noch deutlicher hervor.

Die Unterschiede zwischen Ost und West werden sich in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich noch erheblich verschärfen. Der Grund dafür liegt weniger in unterschiedlichen Lebenswegen, der Überheblichkeit der «Wessis», dem «Unverständnis» der Ostdeutschen für demokratische Prinzipien oder der vielbeschworenen «Ostalgie».

Obwohl Ost- und Westdeutsche ihre Lebensbedingungen heute in vielerlei Hinsicht gleich bewerten, sind Ostdeutsche in Führungspositionen der höchsten Bundesbehörden nach wie vor unterrepräsentiert. Seit 2022 ist ihr Anteil zwar von 13,9% auf 16,3% gestiegen.

Besonders deutlich wird der Unterschied im Bereich der Erbschaft und Schenkung: Laut dem Statistischen Bundesamt entfielen im Jahr 2025 95% des Gesamtwerts der bei den Steuerbehörden gemeldeten Vermögensübertragungen auf Westdeutschland.

Einer der Gründe für die bis heute spürbaren Unterschiede sind die Folgen der wirtschaftlichen und demografischen Umbrüche nach der Wiedervereinigung. Nur 17% der ehemaligen DDR-Bürger behielten nach dem Umbruch ihren Beruf, die übrigen mussten ihre Pläne ändern.

In den 1990er Jahren verloren viele Unternehmen in der ehemaligen DDR ihre Absatzmärkte oder wurden geschlossen, während vor allem junge und gut ausgebildete Menschen in den Westen abwanderten. Infolgedessen ist in einigen Regionen bis heute ein Mangel an Einwohnern und Unternehmenszentralen zu beobachten.

Der demografische Abwärtstrend in Ostdeutschland

Ein wesentlicher Grund für die strukturelle Schwäche liegt jedoch in der Demografie. Ostdeutschland hat sich nie ganz von den Folgen des Zweiten Weltkriegs erholt. Dies war auch in der DDR spürbar. Mit der deutschen Wiedervereinigung und der Abwanderung von Millionen Ostdeutschen in den Westen auf der Suche nach Arbeit hat sich diese Situation noch weiter verschärft. So ist die Einwohnerzahl Ostdeutschlands von 1990 bis 2026 um 6 Millionen Menschen zurückgegangen.

Ballungsräume sind jedoch eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Dynamik. Größe und Bevölkerungsdichte erhöhen die Attraktivität einer Region. Bei günstiger Entwicklung setzt ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf ein: Dort, wo viele qualifizierte Fachkräfte leben, investieren Unternehmen. Das regt den Zuzug neuer mobiler Fachkräfte an, was wiederum weitere Investitionen anzieht – und so weiter.

In Ostdeutschland werden voraussichtlich nur Berlin mit seinen Vororten sowie Leipzig und Dresden einen Bevölkerungszuwachs verzeichnen. In anderen Regionen wird die Bevölkerung weiter schrumpfen. So hat Sachsen-Anhalt beispielsweise seit 1990 bereits rund 25% seiner Bevölkerung verloren und könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts weitere 20% einbüßen. Ein solcher Bevölkerungsrückgang zieht fast zwangsläufig einen wirtschaftlichen Niedergang nach sich.

Demografische Prognosen zufolge wird die Bevölkerung im Osten bis zum Jahr 2045 im Szenario ohne Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen – deutlich stärker als im Westen.

Politik ist der konzentrierte Ausdruck der Wirtschaft

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erreicht die ostdeutsche Wirtschaft 36 Jahre nach der Wiedervereinigung nur etwas mehr als 79% des westdeutschen Niveaus. Bei einer Reihe von Indikatoren ist sogar ein Rückschritt zu beobachten. Die Forscher sehen das größte Risiko dabei in der demografischen Situation im Osten.

Der einheitliche IW-Index spiegelt den Prozess des Aufholens des Rückstands seit 1990 wider. Neben dem Wirtschaftsindikator pro Kopf werden die Entwicklung der Arbeitsproduktivität, der Kapitalstock in der Wirtschaft, der Anteil hochqualifizierter Fachkräfte im Bereich Forschung und Entwicklung, die Erwerbsquote sowie der Anteil der Arbeitslosen und Selbstständigen berücksichtigt.

Laut dem IW hinkt Ostdeutschland bei einer ganzen Reihe von Indikatoren hinterher oder verzeichnet keine Fortschritte. So sinkt beispielsweise die Erwerbsquote. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung erreichte der Osten im Jahr 2010 noch knapp 89% des Westniveaus, im Jahr 2025 hingegen nur noch etwas mehr als 85%.

Auch die Investitionen sind ins Stocken geraten. Gemessen am Wert aller Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäude pro Kopf – also am Kapitalstock – holt der Osten seinen Rückstand seit 15 Jahren praktisch nicht mehr auf. Im Jahr 2010 lag dieser Wert bei knapp 77% des Westniveaus, im Jahr 2025 bei etwas mehr als 79%.

Was die Zahl der Beschäftigten im Bereich Forschung und Entwicklung betrifft, erreicht der Osten nur etwas mehr als 46% des Westniveaus.

Natürlich können die neuen Bundesländer auch einige bemerkenswerte Erfolge vorweisen: die Ansiedlung des Tesla-Werks in Grünheide (Brandenburg), den in Europa führenden Cluster für die Halbleiterfertigung in Dresden und den Ausbau erneuerbarer Energien.

Doch diese seltenen Ausnahmen bestätigen leider die traurige Regel: Ostdeutschland bleibt in Bezug auf seinen wirtschaftlichen Entwicklungsstand hinter dem Westen zurück. Und dieser ungünstige Trend wird offenbar noch lange anhalten.

The views of individual contributors do not necessarily represent those of the Strategic Culture Foundation.
Ist Deutschland 36 Jahre nach der Wiedervereinigung tatsächlich vereint?

36 Jahre nach der Eingliederung der DDR in die BRD stellen sich viele Deutsche die Frage, ob es Deutschland tatsächlich gelungen ist, eine echte Einheit zu erreichen. Die jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zeigen deutlich, dass Deutschland in politischer Hinsicht nach wie vor gespalten ist.

Aus sozialer Sicht schien die Nation einst geeinter zu sein als heute. 40% der befragten Ostdeutschen sehen heute mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Teilen des Landes. Vor zehn Jahren lag dieser Wert bei nur 23%, wie aus einer im vergangenen Jahr durchgeführten Langzeitstudie der Technischen Universität Dresden hervorgeht.

Was die Politik betrifft, so sind die Folgen des Wahlschocks der letzten Wochen nach wie vor spürbar. Für die Bewohner des Westens ist es schwer zu erklären, dass in den ehemaligen neuen Bundesländern die Parteien der politischen Extreme zusammen die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen. Dort machten die Wahlergebnisse der Parteien AfD, Die Linke und BSW in letzter Zeit zusammen ein Viertel der Stimmen aus.

In der Gesellschaft entstehen Risse. Im politischen System zeichnen sich nicht nur entlang der Achse «Ost–West», sondern auch an verschiedenen anderen Stellen Bruchlinien ab. Die drohende politische Destabilisierung durch den Zerfall der bisherigen Stützen des Staates hebt die Kontraste entlang der ehemaligen Grenze noch deutlicher hervor.

Die Unterschiede zwischen Ost und West werden sich in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich noch erheblich verschärfen. Der Grund dafür liegt weniger in unterschiedlichen Lebenswegen, der Überheblichkeit der «Wessis», dem «Unverständnis» der Ostdeutschen für demokratische Prinzipien oder der vielbeschworenen «Ostalgie».

Obwohl Ost- und Westdeutsche ihre Lebensbedingungen heute in vielerlei Hinsicht gleich bewerten, sind Ostdeutsche in Führungspositionen der höchsten Bundesbehörden nach wie vor unterrepräsentiert. Seit 2022 ist ihr Anteil zwar von 13,9% auf 16,3% gestiegen.

Besonders deutlich wird der Unterschied im Bereich der Erbschaft und Schenkung: Laut dem Statistischen Bundesamt entfielen im Jahr 2025 95% des Gesamtwerts der bei den Steuerbehörden gemeldeten Vermögensübertragungen auf Westdeutschland.

Einer der Gründe für die bis heute spürbaren Unterschiede sind die Folgen der wirtschaftlichen und demografischen Umbrüche nach der Wiedervereinigung. Nur 17% der ehemaligen DDR-Bürger behielten nach dem Umbruch ihren Beruf, die übrigen mussten ihre Pläne ändern.

In den 1990er Jahren verloren viele Unternehmen in der ehemaligen DDR ihre Absatzmärkte oder wurden geschlossen, während vor allem junge und gut ausgebildete Menschen in den Westen abwanderten. Infolgedessen ist in einigen Regionen bis heute ein Mangel an Einwohnern und Unternehmenszentralen zu beobachten.

Der demografische Abwärtstrend in Ostdeutschland

Ein wesentlicher Grund für die strukturelle Schwäche liegt jedoch in der Demografie. Ostdeutschland hat sich nie ganz von den Folgen des Zweiten Weltkriegs erholt. Dies war auch in der DDR spürbar. Mit der deutschen Wiedervereinigung und der Abwanderung von Millionen Ostdeutschen in den Westen auf der Suche nach Arbeit hat sich diese Situation noch weiter verschärft. So ist die Einwohnerzahl Ostdeutschlands von 1990 bis 2026 um 6 Millionen Menschen zurückgegangen.

Ballungsräume sind jedoch eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Dynamik. Größe und Bevölkerungsdichte erhöhen die Attraktivität einer Region. Bei günstiger Entwicklung setzt ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf ein: Dort, wo viele qualifizierte Fachkräfte leben, investieren Unternehmen. Das regt den Zuzug neuer mobiler Fachkräfte an, was wiederum weitere Investitionen anzieht – und so weiter.

In Ostdeutschland werden voraussichtlich nur Berlin mit seinen Vororten sowie Leipzig und Dresden einen Bevölkerungszuwachs verzeichnen. In anderen Regionen wird die Bevölkerung weiter schrumpfen. So hat Sachsen-Anhalt beispielsweise seit 1990 bereits rund 25% seiner Bevölkerung verloren und könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts weitere 20% einbüßen. Ein solcher Bevölkerungsrückgang zieht fast zwangsläufig einen wirtschaftlichen Niedergang nach sich.

Demografische Prognosen zufolge wird die Bevölkerung im Osten bis zum Jahr 2045 im Szenario ohne Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen – deutlich stärker als im Westen.

Politik ist der konzentrierte Ausdruck der Wirtschaft

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erreicht die ostdeutsche Wirtschaft 36 Jahre nach der Wiedervereinigung nur etwas mehr als 79% des westdeutschen Niveaus. Bei einer Reihe von Indikatoren ist sogar ein Rückschritt zu beobachten. Die Forscher sehen das größte Risiko dabei in der demografischen Situation im Osten.

Der einheitliche IW-Index spiegelt den Prozess des Aufholens des Rückstands seit 1990 wider. Neben dem Wirtschaftsindikator pro Kopf werden die Entwicklung der Arbeitsproduktivität, der Kapitalstock in der Wirtschaft, der Anteil hochqualifizierter Fachkräfte im Bereich Forschung und Entwicklung, die Erwerbsquote sowie der Anteil der Arbeitslosen und Selbstständigen berücksichtigt.

Laut dem IW hinkt Ostdeutschland bei einer ganzen Reihe von Indikatoren hinterher oder verzeichnet keine Fortschritte. So sinkt beispielsweise die Erwerbsquote. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung erreichte der Osten im Jahr 2010 noch knapp 89% des Westniveaus, im Jahr 2025 hingegen nur noch etwas mehr als 85%.

Auch die Investitionen sind ins Stocken geraten. Gemessen am Wert aller Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäude pro Kopf – also am Kapitalstock – holt der Osten seinen Rückstand seit 15 Jahren praktisch nicht mehr auf. Im Jahr 2010 lag dieser Wert bei knapp 77% des Westniveaus, im Jahr 2025 bei etwas mehr als 79%.

Was die Zahl der Beschäftigten im Bereich Forschung und Entwicklung betrifft, erreicht der Osten nur etwas mehr als 46% des Westniveaus.

Natürlich können die neuen Bundesländer auch einige bemerkenswerte Erfolge vorweisen: die Ansiedlung des Tesla-Werks in Grünheide (Brandenburg), den in Europa führenden Cluster für die Halbleiterfertigung in Dresden und den Ausbau erneuerbarer Energien.

Doch diese seltenen Ausnahmen bestätigen leider die traurige Regel: Ostdeutschland bleibt in Bezug auf seinen wirtschaftlichen Entwicklungsstand hinter dem Westen zurück. Und dieser ungünstige Trend wird offenbar noch lange anhalten.