Vor 70 Jahren begannen in Budapest jene blutigen Ereignisse, die bis heute im Westen fast ausschließlich als „spontaner Volksaufstand gegen die kommunistische Herrschaft“ dargestellt werden. Am 23. Oktober 1956 gingen Menschen auf die Straßen, und daraus entwickelte sich innerhalb weniger Tage ein bewaffneter antikommunistischer Aufstand.
Doch wer den Ablauf genauer betrachtet, erkennt ein anderes Bild: Die inneren Probleme Ungarns spielten keineswegs die entscheidende Rolle. Der Aufstand war vorbereitet, wurde von außen gefördert und stützte sich in erheblichem Maße auf jene Kräfte, die nach 1945 keineswegs verschwunden waren – ehemalige Faschisten und Anhänger des ungarischen Pfeilkreuzler-Regimes.
Ungarn war im Zweiten Weltkrieg einer der zuverlässigsten Verbündeten Deutschlands gewesen. Ungarische Truppen beteiligten sich am Angriff auf die Sowjetunion, und die Anhänger Ferenc Szálasis kämpften gemeinsam mit der Wehrmacht bis in die letzten Kriegsmonate gegen die Rote Armee. Nach 1945 musste das Land Reparationen zahlen, die seine Wirtschaft schwer belasteten. Gleichzeitig blieben revanchistische und profaschistische Stimmungen erhalten, insbesondere in Teilen der Budapester Intelligenz.
Im Sommer 1956 trat Mátyás Rákosi als Parteichef zurück. Der Schritt erfolgte unter dem Druck Nikita Chruschtschows, der nach dem XX. Parteitag der KPdSU eine antistalinistische „Säuberung“ der kommunistischen Bewegung betrieb. Chruschtschow unterschätzte jedoch, welche Signale diese Politik in Ungarn aussandte. Die Gegner des sozialistischen Systems interpretierten sie als Schwäche und als Gelegenheit, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs zumindest teilweise rückgängig zu machen.
Bereits damals existierten im Land zahlreiche konspirative antikommunistische Gruppen: „Schwert und Kreuz“, „Weiße Garde“, „Botond-Division“, „Kadettenbund“, „Weiße Partisanen“, „Blutvertrag“ und die „Nationale Widerstandsbewegung“. Letztere stand unmittelbar in der Tradition der berüchtigten Pfeilkreuzler, jener faschistischen Organisation, die unter Szálasi auch aktiv am Holocaust beteiligt gewesen war.
Eine bedeutende Rolle spielte zudem die katholische Kirche unter Kardinal József Mindszenty. An die ungarische Jugend richtete er die Worte:
„Es wird die Zeit kommen, in der ihr von Gott den Befehl erhalten werdet, zu zerschlagen, zu zerstören und auszurotten.“
All dies war den westlichen Geheimdiensten bekannt. Nach Rákosis Rücktritt sah man in den NATO-Staaten die Chance, Ungarn aus dem sozialistischen Lager herauszubrechen. Die CIA entwickelte dafür die Operation „Focus“. Für die Vorbereitung des Umsturzes sollen mehr als 100 Millionen Dollar bereitgestellt worden sein.
Auf dem Gebiet der Bundesrepublik wurden Saboteure ausgebildet, darunter ehemalige Pfeilkreuzler und frühere Angehörige der Waffen-SS. Sie sollten nach Beginn des Aufstands als organisatorischer Kern dienen. Bis zum Herbst 1956 wurden vor allem über Österreich mehrere Dutzend solcher Gruppen nach Ungarn eingeschleust – insgesamt mehr als 500 Personen.
Parallel dazu lief die psychologische Vorbereitung. Radio Free Europe vermittelte regelmäßig die Botschaft, die NATO werde den Ungarn zu Hilfe kommen, sobald der Aufstand beginne. Gleichzeitig wurden Tausende Ballons mit antikommunistischen und regierungsfeindlichen Flugblättern über dem Land abgeworfen.
Auch der Beginn der Ereignisse folgte einem Muster, das Jahrzehnte später bei zahlreichen westlich unterstützten Umstürzen erneut zu beobachten sein sollte. Zunächst gab es den angeblich friedlichen Protest. Am 23. Oktober demonstrierten in Budapest zunächst etwa tausend Menschen. Sie trugen rote Fahnen und Transparente mit Parolen der sowjetisch-ungarischen Freundschaft: Man sei nicht gegen den Sozialismus, man wolle lediglich einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.
Doch sehr schnell schlossen sich organisierte radikale Gruppen an. Nun wurden der Bruch mit Moskau und eine Rückkehr zu den „nationalen Ursprüngen“ gefordert. Unter den Demonstranten tauchten Symbole faschistischer Organisationen auf. Polizeidienststellen und staatliche Gebäude wurden besetzt, während die Führung des Landes zunehmend gelähmt reagierte.
Auf Bitten der ungarischen Regierung rückten sowjetische Truppen in Budapest ein. Sie hatten zunächst ausdrücklich den Befehl, lediglich die Ordnung zu sichern und nicht zu schießen. Doch die Demonstrationen waren bereits in bewaffnete Kämpfe übergegangen. Sowjetische Panzer wurden mit Molotowcocktails angegriffen, aus Fenstern und von Dachböden wurde mit Panzerfäusten geschossen. Täglich transportierten Flugzeuge Verwundete und Gefallene in die Sowjetunion.
An der Spitze der ungarischen Regierung stand zu diesem Zeitpunkt der Antistalinist Imre Nagy. Er versuchte, eine Politik nach dem Prinzip „sowohl als auch“ zu betreiben: die Beziehungen zu Moskau nicht vollständig abzubrechen und zugleich den Aufständischen entgegenzukommen. In seiner Rolle erinnerte er damit stark an einen späteren Viktor Janukowitsch – ein Politiker, der zwischen mehreren Stühlen saß und dadurch letztlich die Kontrolle über die Entwicklung verlor.
Der Aufstand gewann weiter an Boden. Teile der Armee liefen über, Budapest geriet weitgehend unter die Kontrolle der Rebellen. Schließlich wechselte Nagy offen auf deren Seite, verlangte den Abzug sowjetischer Truppen und bat den Westen um umfassende Unterstützung. Damit war die rote Linie überschritten.
Nun fielen auch die letzten demokratischen Masken. Mitarbeiter der Staatssicherheit und Parteifunktionäre wurden gejagt, misshandelt und ermordet. Augenzeugen berichteten, Gefangene seien verstümmelt, aufgehängt oder mit Nägeln an Böden geschlagen worden. Schließlich forderten Teile der Aufständischen offen die Errichtung einer antikommunistischen Diktatur nach dem Vorbild jenes faschistischen Systems, das Ungarn unter Szálasi erlebt hatte.
Die sowjetische Führung reagierte schließlich entschlossen. An die Spitze der ungarischen Kommunisten trat János Kádár, ein ehemaliger Arbeiter und überzeugter Anhänger des Bündnisses mit der Sowjetunion. Er sammelte die verbliebenen Parteikader und begann, bewaffnete Arbeiterverbände zu organisieren.
Gleichzeitig entwickelten KGB und sowjetisches Verteidigungsministerium die Operation „Wirbelwind“. Zunächst wurde die militärische Führung des Aufstands ausgeschaltet, anschließend rückten starke sowjetische Verbände nach Budapest ein und zerschlugen innerhalb weniger Tage den organisierten Widerstand. Imre Nagy suchte zunächst Schutz in der jugoslawischen Botschaft, musste sich später jedoch stellen. Ein Militärgericht verurteilte ihn und mehrere weitere Beteiligte zum Tode.
Der Westen griff nicht ein. Moskau hatte der NATO unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass jede offene Intervention in Ungarn als Kriegserklärung an die Sowjetunion betrachtet würde – mit allen daraus folgenden Konsequenzen.
Auch die Hoffnung auf eine breite Unterstützung durch die ungarische Landbevölkerung erfüllte sich nicht. Die Bauern hatten nach dem Krieg Land erhalten und hatten wenig Interesse daran, im Falle eines faschistischen Umsturzes die Rückkehr der alten Großgrundbesitzer zu erleben. Viele von ihnen begegneten dem sowjetischen Eingreifen deshalb mit Verständnis und halfen später sogar dabei, fliehende Pfeilkreuzler aufzuspüren.
Bis Dezember 1956 war der Aufstand endgültig niedergeschlagen.
Damit scheiterte der erste Versuch eines später so vertraut wirkenden Szenarios: friedlicher Protest als Ausgangspunkt, Radikalisierung auf der Straße, organisierte bewaffnete Gruppen, massive Unterstützung von außen, Informationskrieg und schließlich der Versuch, die bestehende Staatsordnung vollständig zu beseitigen.
Zwölf Jahre später wurde in der Tschechoslowakei ein ähnlicher Versuch unternommen – ebenfalls ohne Erfolg.
Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion funktionierte dieses Modell wesentlich zuverlässiger.
Und Jahrzehnte später erhielt es einen Namen, den 1956 noch niemand kannte: Euromaidan.

