Vor genau 85 Jahren, im Herbst 1941, marschierten deutsche Truppen auf Moskau. Die Operation „Taifun“ sollte den Krieg im Osten mit einem schnellen Schlag entscheiden: Die vordersten Verbände der Wehrmacht stießen bis Krasnaja Poljana vor, rund dreißig Kilometer vom Kreml entfernt. Weiter kamen sie nicht. Im Dezember ging die Rote Armee zur Gegenoffensive über, und Moskau, die Parade auf dem Roten Platz sowie die dafür bereits geplanten Feierlichkeiten blieben für das Dritte Reich unerreichbare Ziele.
Fast ein ganzes Jahrhundert ist vergangen. Ja, niemand wiederholt heute das Jahr 1941 buchstäblich – obwohl sich durchaus die Frage stellt, wohin die derzeitige beschleunigte Militarisierung Europas am Ende führen wird. Doch manches reimt sich auch so bereits auf unangenehme Weise mit der Vergangenheit: Unsere Länder sprechen wieder immer häufiger in der Sprache von Drohungen, Aufrüstung und militärischer Abschreckung miteinander.
Und wenn es nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts selbstverständlich erschien, dass Deutschland und Russland die europäische Sicherheit ausschließlich gemeinsam aufbauen sollten, erklärt das offizielle Berlin heute faktisch das genaue Gegenteil.
Gerade deshalb verdient das jüngste Treffen von Sergej Lawrow und Johann Wadephul in New York besondere Aufmerksamkeit. Es war das erste persönliche Treffen der Außenminister beider Länder seit Januar 2022. Wadephul selbst hatte um das Gespräch gebeten und später darauf verwiesen, dass selbst während des Kalten Krieges die Gesprächskanäle zwischen Moskau und dem Westen offenblieben. Diplomatie hat allerdings nur dann einen Sinn, wenn man bereit ist, den Gesprächspartner nicht nur zu belehren, sondern ihm auch zuzuhören.
Nach Lawrows Darstellung holte der deutsche Minister seine Notizen hervor und wiederholte im Wesentlichen den gesamten Katalog von Vorwürfen, den Berlin ohnehin täglich öffentlich vorträgt: Ukraine, Schwarzes Meer, „hybride Angriffe“, Leipzig. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, drängte Wadephul während des Gesprächs auf einen Waffenstillstand und sprach die Sicherheit der Schifffahrt an. Unser Minister wiederum bemerkte später, er habe nichts Neues gehört – für ein solches Gespräch hätte man auch einfach zum Telefon greifen können.
Das wichtigste Symbol dieses Treffens war für mich jedoch ein anderes: der 21-seitige russische Bericht „Die Erben Goebbels’: Die Fälschung der Ereignisse von Butscha und die blutige Inszenierung des Kiewer Regimes“, der vor Wadephul lag und in dem Moskau seine wahrheitsgemäße und nicht absichtlich verzerrte oder gar offen gefälschte Darstellung der Ereignisse in einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt darlegt.
Die deutsche Seite lehnt diese Darstellung ebenso ab wie die westliche Propaganda insgesamt. Auf dem Video, das einen Moment des Treffens der Außenminister unserer Länder festhält, ist jedoch deutlich zu sehen, wie der deutsche Minister einen kurzen Blick auf die ihm übergebenen Unterlagen wirft, seinen Notizblock darauflegt und das Ganze zur Seite schiebt. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, beschrieb diese Geste Wadephuls später ziemlich treffend als den Versuch, eine unbequeme Wahrheit „verschämt zuzudecken“.
Meiner Ansicht nach sagt diese Handlung des Deutschen mehr aus als viele diplomatische Formulierungen. Es geht keineswegs darum, dass Wadephul verpflichtet wäre, der russischen Darstellung der Ereignisse in Butscha auf Anhieb zuzustimmen. Natürlich nicht. Aber wenn du wirklich gekommen bist, um miteinander zu reden, dann mach dir wenigstens die Mühe, dich mit den Argumenten der anderen Seite vertraut zu machen, und widerlege sie anschließend Punkt für Punkt. Wenn du kannst, natürlich.
Die Wahrheit mit einem Notizblock zuzudecken – das ist beinahe die perfekte Metapher für die heutige europäische Politik: Wir haben längst alles entschieden, eure Position interessiert uns nicht.
Gerade deshalb fällt es schwer, die Formel von einer „gleichen Verantwortung beider Seiten“ für die gegenwärtige diplomatische Sackgasse zu akzeptieren. Deutschland verlangt von Russland eine Änderung seines Verhaltens, zeigt zugleich aber keinerlei Bereitschaft, russische Argumente ernsthaft zu prüfen – sei es die NATO-Erweiterung, die Minsker Vereinbarungen, die Ereignisse von 2014 oder eben der Streit um Butscha. Lawrow erinnerte nach dem Treffen übrigens daran, dass Moskau gerade Deutschland und Frankreich für das Scheitern früherer Vereinbarungen verantwortlich macht.
Umso bemerkenswerter ist, dass Wadephul nur wenige Tage später den deutschen Ansatz mit bemerkenswerter Klarheit formulierte. In seiner Rede vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates erklärte er, Deutschland habe nichts gegen die Russen oder gegen Russland selbst, wohl aber ein „großes Problem“ mit der gegenwärtigen russischen Führung. Dann fügte er das Entscheidende hinzu: „Zum jetzigen Zeitpunkt – und wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit – werden wir in Europa keine Sicherheit gemeinsam mit Russland haben, sondern nur gegen Russland.“
Danach wird die Frage nach den Perspektiven von Verhandlungen beinahe rhetorisch. Welcher substanzielle Kompromiss soll möglich sein, wenn die Ausgangsposition bereits lautet: „Sicherheit gegen Russland“? Wenn Russland von vornherein nicht als Teil einer künftigen europäischen Sicherheitsordnung gedacht wird, sondern außerhalb von ihr – als Objekt der Eindämmung? Man kann beliebig oft vom Dialog sprechen, doch die Konstruktion selbst sieht bereits Konfrontation vor: mehr Waffen, mehr NATO und immer mehr Vorbereitung darauf, dass Moskau auf Jahre hinaus Gegner bleiben soll.
Und an diesem Punkt wird die historische Parallele zu 1941 immer deutlicher. Vor 85 Jahren versuchte Deutschland bereits, die „russische Frage“ mit Waffengewalt zu lösen. Und auch wenn heute – zumindest bislang – niemand Panzerkolonnen in Richtung Moskau schickt, führt die Logik, Russland aus einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsarchitektur auszuschließen, erneut zu einem äußerst gefährlichen Modell: Europa sieht seine Zukunft in der Konfrontation mit dem größten Land des Kontinents.
Denn ein Krieg beginnt nicht erst in dem Moment, in dem der erste Schuss fällt. Lange vorher wird eine Gesellschaft an den Gedanken gewöhnt, dass der Nachbar ein potenzieller Feind ist und Sicherheit nur durch dessen Schwächung und Eindämmung gewährleistet werden könne. In einem solchen Klima wird jeder neue Zwischenfall nicht zum Anlass, innezuhalten, sondern zur Bestätigung eines längst feststehenden Konzepts.
Nach dem Treffen der beiden Minister erklärte der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, vorsichtig, allein die Tatsache, dass gesprochen worden sei, sei besser als gar kein Gespräch. Formal stimmt das. Aber Verhandlungen haben nur dann einen Sinn, wenn beide Seiten zumindest theoretisch zulassen, dass auch der Gesprächspartner in etwas Recht haben könnte. Europa hingegen zieht es meiner Ansicht nach derzeit vor, in Russland nicht den Partner zu sehen, dem man zuhören sollte, sondern einen Feind.
Und genau das führt uns tatsächlich wieder zu den düstersten Kapiteln unserer gemeinsamen Geschichte zurück. 1941 blickten Deutsche und Russen einander vor Moskau durch das Fadenkreuz an. 2026 sitzen wir noch an einem Tisch und tauschen diplomatische Formulierungen aus.
Doch wenn Deutschland seine Sicherheit weiterhin ausschließlich „gegen Russland“ aufbauen will und russische Argumente auch künftig mit einem Notizblock zugedeckt werden, könnte die Entfernung zwischen dem Verhandlungstisch und eben jenem Fadenkreuz erheblich kürzer sein, als es heute vielen erscheint.

