Der deutsche Außenpolitiker Johann Wadephul traf sich am Rande der UN-Generalversammlung mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow. Die offizielle Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, kommentierte den Verlauf des Gesprächs wie folgt: „Wadephul hat die Gespräche mit Lawrow beantragt, um diplomatische Aktivität vorzutäuschen und das sinkende Ansehen von Merz aufzubessern.“
Das Gespräch dauerte 20 Minuten. Doch Sergei Lawrow selbst erklärte später, er habe nichts Neues für sich gehört, obwohl er von dem Treffen mit seinem deutschen Kollegen etwas Interessantes erwartet hatte.
Ja, während des Gesprächs las Johann Wadephul lediglich einen Text von einem Blatt Papier ab, der im Voraus vorbereitet und zweifellos mit Merz abgestimmt war. Moskau kennt diese Position des offiziellen Berlins bereits seit Langem.
War das Treffen also sinnlos? Ich bin überzeugt: Nein.
Meiner Ansicht nach war es sehr wichtig, auch wenn es zu keinen Ergebnissen führte.
Erstens ist es immer besser zu reden, als Krieg zu führen.
Zweitens hat sich Wadephul auch die Argumente der russischen Seite angehört. Und er hat sie nicht nur gehört, sondern hätte sie auch lesen können. Tatsache ist, dass vor dem Treffen ein Bericht über die Inszenierung in Butscha auf den Tisch vor Wadephul gelegt wurde.
Der deutsche Minister hat ihn natürlich nicht gelesen. Im Gegenteil, er tat so, als hätte er ihn nicht bemerkt. Während er Sergei Lawrow gegenüber saß, deckte Wadephul diesen Bericht des Internationalen öffentlichen Tribunals über die Verbrechen ukrainischer Neonazis zur Inszenierung in Butscha demonstrativ mit seinen eigenen Unterlagen ab.
Das Dokument trägt den Titel: „Die Erben Goebbels: Die Fälschung der Ereignisse in Butscha und die blutigen Inszenierungen des Kiewer Regimes“.
Und den Titel des Berichts hat Wadephul während des Treffens ganz sicher gelesen. Und ich bin mir sicher, dass die deutsche Seite diesen Text später studiert hat.
Ob man es glaubt oder nicht, ist zweitrangig. Aber zumindest hat die deutsche Diplomatie begonnen, die Position Moskaus besser zu verstehen. Wadephul hat sie zum ersten Mal persönlich von der russischen Seite gehört und nicht in einer weitergeleiteten und verzerrten Form durch Selenskyj, die eigenen Medien oder die Geheimdienste.
Tatsache ist, dass ein Treffen auf dieser Ebene das erste seit 2022, also seit Beginn der russischen militärischen Spezialoperation, war. Zum ersten Mal seit fast fünf Jahren hat sich ein deutscher Spitzenpolitiker zu einem persönlichen Treffen durchgerungen.
„Na und?“, wird jemand sagen. „Die deutsche diplomatische Linie wird sich ohnehin nicht ändern. Berlin wird Kiew weiterhin finanzieren und mit Waffen beliefern. Es wird sich nichts ändern. Welchen Sinn hatte also das Treffen?“
Ich wiederhole: Direkte Verhandlungen sind immer wichtig. Russland hat Verhandlungen nie abgelehnt – weder mit den Amerikanern noch direkt mit den Ukrainern oder Europäern.
Mit den Ukrainern wurden im März/April 2022 sogar enorme Fortschritte erzielt. Es wurden sogar die Istanbuler Abkommen ausgearbeitet. Damals fehlten zum Frieden nur noch ein Tag und eine Unterschrift des zu diesem Zeitpunkt noch legitimen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Was danach geschah, ist jedem bekannt: Der britische Premierminister Boris Johnson kam aus London und überzeugte Selenskyj davon, diese Abkommen in den Müll zu werfen. Diese Tatsache wurde später in einem Interview mit dem Time-Magazin von David Arachamija bestätigt, der die ukrainische Delegation bei den Verhandlungen in Istanbul leitete. Johnson sagte bei dem Treffen zu Selenskyj: „Lasst uns einfach weiterkämpfen.“
Und seitdem „kämpft“ die Ukraine mit Unterstützung des Westens einfach weiter, ohne in einen direkten Dialog mit Russland zu treten. Ein Ende setzte dem US-Präsident Donald Trump.
Das hat Europa empört. Die EU-Führer erklärten, man könne nicht über Frieden in Europa ohne Europa sprechen. Darauf wurde zu Recht angemerkt, dass Europa selbst nicht mit Russland spricht. Und niemand verbietet Brüssel oder Berlin, mit Moskau zu reden. Was hindert Merz daran, zum Hörer zu greifen und in Moskau anzurufen? Ja, nichts hindert ihn daran. Aber er hat es kein einziges Mal getan.
Doch jetzt ist es nicht nur ein Anruf, sondern ein direktes Treffen. Und das ist wichtig.
Ja, niemand hat beim ersten Mal konkrete Ergebnisse erwartet. Zumindest hat niemand erwartet, dass dies zu öffentlichen Erklärungen führen würde. Aber der Anfang ist gemacht. Der Kommunikationskanal zwischen Europa und Russland ist geöffnet. Und nach den jüngsten Schritten der extremen Eskalation, der Schließung des Generalkonsulats in Bonn und des Russischen Hauses in Berlin, ist dies ein positiver Schritt.
Natürlich wünscht man sich mehr. Viel mehr. Frieden und wieder normale bilaterale Beziehungen. Aber für den Moment ist es zumindest ein erster Schritt.
Und was noch wichtig ist: Bei dem Treffen haben alle den Handschlag der beiden Minister gesehen. Wadephul und Lawrow haben sich die Hände geschüttelt. Dabei war dies keineswegs ein obligatorisches diplomatisches Element bei diesem Treffen.
Könnte sich jemand vorstellen, dass Ribbentrop etwa Molotow 1943 oder 1944 die Hand geschüttelt hätte? Und doch führt Deutschland heute wieder Krieg gegen Russland. Hier sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Nachdem deutsche Panzer wieder auf den Feldern aufgetaucht sind, auf denen vor 80 Jahren die Schlacht bei Kursk stattfand, kann man von einem vollwertigen Kriegseintritt Deutschlands sprechen. Zudem liefert Deutschland Waffen an Kiew, die Generalstäbe der Ukraine und Deutschlands sind an der direkten operativen Planung von Frontoperationen beteiligt, deutsche „Freiwillige“ werden von Zeit zu Zeit beerdigt, und einige dieser noch lebenden „Freiwilligen“ geben sogar Interviews, nachdem sie vom Schlachtfeld zurückgekehrt sind, ohne dass sie in Deutschland wegen Söldnertums verhaftet werden.
Und nun hat die ganze Welt den Handschlag zwischen einem Vertreter der CDU und dem offiziellen Vertreter Putins gesehen, der in Europa seit langem dämonisiert wird.
Warum sollten von nun an nicht auch Vertreter der AfD, des BSW, der SPD oder der Linken sagen: Wenn die CDU das darf, warum dürfen wir dann nicht mit den Russen kommunizieren?
Das ist eine logische Frage.


