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June 29, 2026
© Photo: Public domain

Wer Frieden will, muss miteinander reden: Wie der Ukraine-Krieg potenziell zu lösen wäre und warum Berlin wie Brüssel daran kein Interesse haben. Eine Analyse.

Kriegslogik kontra Verhandlungskunst – die jüngste Posse um Gerhard Schröder illustriert das ukrainische Dilemma in Reinform: Putin schlägt den Alt-Kanzler als Vermittler vor – Berlin lehnt reflexartig ab. Der gewünschte Gipfel blieb vorerst aus, doch die überfällige Debatte gewann an Fahrt.

Während Europa in militarisierter Wagenburgmentalität verharrt, analysieren Experten den Abnutzungskrieg als Materialschlacht ohne realistische Entscheidungsperspektive. Längst übersteigen die Kosten jeden rationalen Nutzen.

Deutschland, die mittlerweile mit Abstand stärkste Unterstützernation der Ukraine, zahlt dabei einen besonders hohen Preis: Die politisch forcierte Entkopplung von russischer Energie brach dem deutschen Exportregime das Rückgrat, würgte Kaufkraft wie Prosperität ab, verstärkte massiven Inflationsdruck und ließ den Sozialstaat erodieren.

Wie ein Bumerang schlägt der Krieg zurück – doch insbesondere die deutsche politische Klasse will sich – anders als die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert – nicht an den Verhandlungstisch bewegen. Warum blockiert Europa?

Faktor Trump: Nixon reverse?

Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat sich das ukrainische Schachbrett nochmals verschoben. Der US-Präsident trat mit dem Versprechen an, den Krieg binnen eines Tages zu lösen – und scheiterte. Dennoch mag sein langfristiges Kalkül aufgehen: In einer umgekehrten Nixon-Strategie baut Washington am Versuch der Entfremdung Russlands von China.

Washington, so der Eindruck, dürfte zumindest kein Veto gegen einen Frieden einlegen – alle Kräfte sollen gen Indopazifik fokussiert werden. Auffällig ist die Dreiecks-Besuchsdynamik aktuell: Xi empfing Trump, wenige Tage später reist Putin nach Peking. Botschaften könnten indirekt weitergeleitet werden.

Mit China versucht sich ein weiterer geopolitischer Gigant als Mittler, dessen Gewicht das Europas um ein Vielfaches übersteigt, zu positionieren. Während Großmächte sowie einige Mittelmächte – Schweiz, Türkei, Pakistan – sich diplomatisch in Szene setzen, verharrt Europa in lähmender Blockadehaltung.

Jenes Auf-Sicht-fahren könnte sich – spätestens mit einem Verhandlungsdurchbruch ohne europäische Beteiligung – bitter rächen.

Ausbluten auf Raten

Alles schreit nach Verhandlungen, die humanitäre Bilanz des Blutvergießens ist verheerend: Die OECD zählte 2025 rund sechs Millionen ukrainische Vertriebene im Ausland sowie fünf Millionen Binnenvertriebene. Eine Weltbank-Analyse beziffert die Wiederaufbaukosten auf über 524 Milliarden Dollar – Tendenz durch Drohnenangriffe stark steigend.

Eine Summe, die das de facto insolvente und vom Tropf der EU-Staaten abhängige Kiew unmöglich begleichen kann. Während Waffen in die Ukraine gepumpt werden, sind allein 2,5 Millionen Wohneinheiten unbenutzbar, ihr finanzieller Wiederaufbau vollkommen offen.

Die männliche ukrainische Bevölkerung stimmt indes mit den Füßen ab: Zwischen Januar 2022 und September 2024 kehrten 60.000 Soldaten der Front unerlaubt den Rücken – allein im ersten Quartal 2025 desertierten rund 44.500 Personen. Le Monde bezeichnete Desertation als neuen, ukrainischen “Nationalsport”.

Hinzu kommt eine Fertilitätsrate von historisch niedrigen 0,9 bei einer Bevölkerung, die auf knapp über 30 Millionen geschrumpft sein soll – ein gesekkschaftlicher Albtraum.

Ohne westliche Waffenhilfe wäre Kiew womöglich längst gefallen. Doch auch mit, blutet das Land langsam aus, ein militärischer Sieg oder eine Rückeroberung der russisch besetzten Gebiete bleibt Chimäre. Moskau besitzt dank industrieller Kapazitäten, Personaltiefe und strategischer Abnutzungsfähigkeit entscheidende strukturelle Vorteile.

Im vierten Kriegsjahr

Doch auch Russland treffen kriegsbedingte Probleme: Mitte-Mai erklärte Estlands Geheimdienstchef Kaupo Rosin, Russland erleide “höhere Verluste, als es ersetzen kann”. Der eng an das US-Establishment angebundene Thinktank Chatham House konstatierte bereits Anfang 2025 eine zunehmend belastende ökonomische Lage Russlands.

Dennoch: Im vierten Kriegsjahr führt Moskau den Krieg weiter – auch wenn die letzte Schröder-Offerte nahelegt, dass man langsam in Handlungsdruck gerät. Auf ewig will und kann der Kreml den Status quo nicht perpetuieren – militärisch scheint es gegen die aufgerüstete ukrainische Armee nicht auszureichen, ökonomisch, politisch, diplomatisch wird der Krieg mit zunehmender Dauer immer unattraktiver.

Rote Linien

Für die Ukraine zeichnen sich derweil realistische Verhandlungslinien ab: keine formale Anerkennung besetzter Gebiete, keine erzwungene Entmilitarisierung, keine Fremdbestimmung in der Außenpolitik. Der entscheidende Punkt: reale Sicherheitsgarantien.

Selenskyj signalisierte im Dezember 2025 die Bereitschaft, auf einen Nato-Beitritt zu verzichten – sofern gewichtige militärische Schutzzusagen folgen. Aus Washington sind diese angesichts des pivot to asia kaum zu bekommen.

Exakt hier treffen sich russische und ukrainische Positionen: Ein realistisches Arrangement wäre eine Sicherheitsarchitektur ohne Nato-Mitgliedschaft, die russische Kerninteressen – Donbass-Krim-Korridor, störungsfreier Kaliningrad-Zugang, Ende der EU/ Nato Osterweiterung – berücksichtigt.

Nach dem Treffen in Anchorage im Winter 2025 veränderte Moskau seine Position nuanciert, aber entscheidend: Statt vollständiger Demilitarisierung betonte man lediglich ukrainische Truppenbegrenzungen und bekannte demonstrativ Bereitschaft, auch über Sicherheitsgarantien, für die Ukraine (!), zu verhandeln.

Trotz maximalistischer öffentlicher Rhetorik – die innenpolitisch für beide Seiten unverzichtbar bleibt – existieren Schnittmengen. Der “Spirit of Anchorage”, die Schaffung eines Systems kollektiver Sicherheit, könnte die Lösung des ukrainischen Rätsels sein – dessen Hauptgegner sitzen in Berlin, Warschau oder dem Baltikum.

Israel-Modell und Sollbruchstellen

Ein realistisches Kompromissmodell intendierte eine moderat-bewaffnete, neutrale Ukraine mit vertiefter ökonomischer EU-Integration bei gleichzeitigem, verrechtlichtem Ausschluss von Nato-Basen. Es fußte auf allumfassenden Sicherheitsgarantien: Reaktivierung von Start- und Inf-Vertrag gegenüber Russland, europäische Schutzgarantien für die Ukraine – vergleichbar mit den de facto US-Garantien an Israel.

Die reale Blaupause birgt jedoch eine strukturelle Sollbruchstelle: Moskau hätte kaum Garantienmittel, dass Kiew sich nicht über Bestimmungen hinwegsetzt und Europa die Ukraine weiter aufrüstet – bis ein militärischer Schlag kaum mehr zu parieren wäre, vergleichbar mit der israelischen Entwicklung gegenüber seinen arabischen Nachbarn.

Gretchenfrage: Der politische Wille

Dass der Westen die Verhandlungen von Istanbul sabotierte – ausgerechnet der ehemalige israelische Premier Naftali Bennett gerierte sich als Whistleblower –, verdeutlicht: im Kern bleibt aktuell, was Angela Merkel in Bezug auf die Minsk-Abkommen betonte, es könnte dem Westen um Zeit, statt um Frieden gehen.

Die eigentliche Frage ist simpel wie brisant: Gibt es in Europa überhaupt den Willen zu einem Ende des Konfliktes? Dies setzt die Umgehung der Zeitenwende-Logik voraus, die Entkräftung der russischen Bedrohungsüberzeichnung, ein realistisches wie rationales Russland-Bild, sowie ein Ende rüstungskeynesianischer Wirtschaftslogik.

Brüssel und Berlin markieren jeden Gedanken daran mit dem Stallgeruch des Landesverrats, sanktionieren die Andersdenkenden als “fünfte Kolonne” und geben aktuell keinen Grund zur Annahme, dass man Frieden wünsche. Krieg sei der neue Frieden, Aufrüstung der neue Pazifismus – eine brandgefährliche Sackgasse.

 

Originalbeitrag von Luca Schäfer (Telepolis)

The views of individual contributors do not necessarily represent those of the Strategic Culture Foundation.
Ukraine-Krieg: Frieden möglich, Wille fraglich

Wer Frieden will, muss miteinander reden: Wie der Ukraine-Krieg potenziell zu lösen wäre und warum Berlin wie Brüssel daran kein Interesse haben. Eine Analyse.

Kriegslogik kontra Verhandlungskunst – die jüngste Posse um Gerhard Schröder illustriert das ukrainische Dilemma in Reinform: Putin schlägt den Alt-Kanzler als Vermittler vor – Berlin lehnt reflexartig ab. Der gewünschte Gipfel blieb vorerst aus, doch die überfällige Debatte gewann an Fahrt.

Während Europa in militarisierter Wagenburgmentalität verharrt, analysieren Experten den Abnutzungskrieg als Materialschlacht ohne realistische Entscheidungsperspektive. Längst übersteigen die Kosten jeden rationalen Nutzen.

Deutschland, die mittlerweile mit Abstand stärkste Unterstützernation der Ukraine, zahlt dabei einen besonders hohen Preis: Die politisch forcierte Entkopplung von russischer Energie brach dem deutschen Exportregime das Rückgrat, würgte Kaufkraft wie Prosperität ab, verstärkte massiven Inflationsdruck und ließ den Sozialstaat erodieren.

Wie ein Bumerang schlägt der Krieg zurück – doch insbesondere die deutsche politische Klasse will sich – anders als die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert – nicht an den Verhandlungstisch bewegen. Warum blockiert Europa?

Faktor Trump: Nixon reverse?

Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat sich das ukrainische Schachbrett nochmals verschoben. Der US-Präsident trat mit dem Versprechen an, den Krieg binnen eines Tages zu lösen – und scheiterte. Dennoch mag sein langfristiges Kalkül aufgehen: In einer umgekehrten Nixon-Strategie baut Washington am Versuch der Entfremdung Russlands von China.

Washington, so der Eindruck, dürfte zumindest kein Veto gegen einen Frieden einlegen – alle Kräfte sollen gen Indopazifik fokussiert werden. Auffällig ist die Dreiecks-Besuchsdynamik aktuell: Xi empfing Trump, wenige Tage später reist Putin nach Peking. Botschaften könnten indirekt weitergeleitet werden.

Mit China versucht sich ein weiterer geopolitischer Gigant als Mittler, dessen Gewicht das Europas um ein Vielfaches übersteigt, zu positionieren. Während Großmächte sowie einige Mittelmächte – Schweiz, Türkei, Pakistan – sich diplomatisch in Szene setzen, verharrt Europa in lähmender Blockadehaltung.

Jenes Auf-Sicht-fahren könnte sich – spätestens mit einem Verhandlungsdurchbruch ohne europäische Beteiligung – bitter rächen.

Ausbluten auf Raten

Alles schreit nach Verhandlungen, die humanitäre Bilanz des Blutvergießens ist verheerend: Die OECD zählte 2025 rund sechs Millionen ukrainische Vertriebene im Ausland sowie fünf Millionen Binnenvertriebene. Eine Weltbank-Analyse beziffert die Wiederaufbaukosten auf über 524 Milliarden Dollar – Tendenz durch Drohnenangriffe stark steigend.

Eine Summe, die das de facto insolvente und vom Tropf der EU-Staaten abhängige Kiew unmöglich begleichen kann. Während Waffen in die Ukraine gepumpt werden, sind allein 2,5 Millionen Wohneinheiten unbenutzbar, ihr finanzieller Wiederaufbau vollkommen offen.

Die männliche ukrainische Bevölkerung stimmt indes mit den Füßen ab: Zwischen Januar 2022 und September 2024 kehrten 60.000 Soldaten der Front unerlaubt den Rücken – allein im ersten Quartal 2025 desertierten rund 44.500 Personen. Le Monde bezeichnete Desertation als neuen, ukrainischen “Nationalsport”.

Hinzu kommt eine Fertilitätsrate von historisch niedrigen 0,9 bei einer Bevölkerung, die auf knapp über 30 Millionen geschrumpft sein soll – ein gesekkschaftlicher Albtraum.

Ohne westliche Waffenhilfe wäre Kiew womöglich längst gefallen. Doch auch mit, blutet das Land langsam aus, ein militärischer Sieg oder eine Rückeroberung der russisch besetzten Gebiete bleibt Chimäre. Moskau besitzt dank industrieller Kapazitäten, Personaltiefe und strategischer Abnutzungsfähigkeit entscheidende strukturelle Vorteile.

Im vierten Kriegsjahr

Doch auch Russland treffen kriegsbedingte Probleme: Mitte-Mai erklärte Estlands Geheimdienstchef Kaupo Rosin, Russland erleide “höhere Verluste, als es ersetzen kann”. Der eng an das US-Establishment angebundene Thinktank Chatham House konstatierte bereits Anfang 2025 eine zunehmend belastende ökonomische Lage Russlands.

Dennoch: Im vierten Kriegsjahr führt Moskau den Krieg weiter – auch wenn die letzte Schröder-Offerte nahelegt, dass man langsam in Handlungsdruck gerät. Auf ewig will und kann der Kreml den Status quo nicht perpetuieren – militärisch scheint es gegen die aufgerüstete ukrainische Armee nicht auszureichen, ökonomisch, politisch, diplomatisch wird der Krieg mit zunehmender Dauer immer unattraktiver.

Rote Linien

Für die Ukraine zeichnen sich derweil realistische Verhandlungslinien ab: keine formale Anerkennung besetzter Gebiete, keine erzwungene Entmilitarisierung, keine Fremdbestimmung in der Außenpolitik. Der entscheidende Punkt: reale Sicherheitsgarantien.

Selenskyj signalisierte im Dezember 2025 die Bereitschaft, auf einen Nato-Beitritt zu verzichten – sofern gewichtige militärische Schutzzusagen folgen. Aus Washington sind diese angesichts des pivot to asia kaum zu bekommen.

Exakt hier treffen sich russische und ukrainische Positionen: Ein realistisches Arrangement wäre eine Sicherheitsarchitektur ohne Nato-Mitgliedschaft, die russische Kerninteressen – Donbass-Krim-Korridor, störungsfreier Kaliningrad-Zugang, Ende der EU/ Nato Osterweiterung – berücksichtigt.

Nach dem Treffen in Anchorage im Winter 2025 veränderte Moskau seine Position nuanciert, aber entscheidend: Statt vollständiger Demilitarisierung betonte man lediglich ukrainische Truppenbegrenzungen und bekannte demonstrativ Bereitschaft, auch über Sicherheitsgarantien, für die Ukraine (!), zu verhandeln.

Trotz maximalistischer öffentlicher Rhetorik – die innenpolitisch für beide Seiten unverzichtbar bleibt – existieren Schnittmengen. Der “Spirit of Anchorage”, die Schaffung eines Systems kollektiver Sicherheit, könnte die Lösung des ukrainischen Rätsels sein – dessen Hauptgegner sitzen in Berlin, Warschau oder dem Baltikum.

Israel-Modell und Sollbruchstellen

Ein realistisches Kompromissmodell intendierte eine moderat-bewaffnete, neutrale Ukraine mit vertiefter ökonomischer EU-Integration bei gleichzeitigem, verrechtlichtem Ausschluss von Nato-Basen. Es fußte auf allumfassenden Sicherheitsgarantien: Reaktivierung von Start- und Inf-Vertrag gegenüber Russland, europäische Schutzgarantien für die Ukraine – vergleichbar mit den de facto US-Garantien an Israel.

Die reale Blaupause birgt jedoch eine strukturelle Sollbruchstelle: Moskau hätte kaum Garantienmittel, dass Kiew sich nicht über Bestimmungen hinwegsetzt und Europa die Ukraine weiter aufrüstet – bis ein militärischer Schlag kaum mehr zu parieren wäre, vergleichbar mit der israelischen Entwicklung gegenüber seinen arabischen Nachbarn.

Gretchenfrage: Der politische Wille

Dass der Westen die Verhandlungen von Istanbul sabotierte – ausgerechnet der ehemalige israelische Premier Naftali Bennett gerierte sich als Whistleblower –, verdeutlicht: im Kern bleibt aktuell, was Angela Merkel in Bezug auf die Minsk-Abkommen betonte, es könnte dem Westen um Zeit, statt um Frieden gehen.

Die eigentliche Frage ist simpel wie brisant: Gibt es in Europa überhaupt den Willen zu einem Ende des Konfliktes? Dies setzt die Umgehung der Zeitenwende-Logik voraus, die Entkräftung der russischen Bedrohungsüberzeichnung, ein realistisches wie rationales Russland-Bild, sowie ein Ende rüstungskeynesianischer Wirtschaftslogik.

Brüssel und Berlin markieren jeden Gedanken daran mit dem Stallgeruch des Landesverrats, sanktionieren die Andersdenkenden als “fünfte Kolonne” und geben aktuell keinen Grund zur Annahme, dass man Frieden wünsche. Krieg sei der neue Frieden, Aufrüstung der neue Pazifismus – eine brandgefährliche Sackgasse.

 

Originalbeitrag von Luca Schäfer (Telepolis)